Der Strobist-Guide — entfesselt Blitzen Teil 1
Vielleicht ergeht es Dir ja wie mir zu meinen eigenen Anfangszeiten. Da kauft man sich ganz euphorisch einen Aufsteckblitz (oder nutzt, falls vorhanden, auch mal den kamerainternen), macht einige Fotos, und vergräbt das Ding voller Schrecken ganz schnell ganz unten in der Fototasche. Denn anstatt vorteilhaft beleuchteter Portraits hat man nämlich versehentlich eine ganze Reihe platter, glänzender und irgendwie grotesk überbelichteter Pfannkuchengesichter fotografiert. Familienfeier im Eimer, Haussegen hängt schief, blitzen ist scheisse. Oder?
Nieder mit dem Pfannkuchen-Effekt!
Und genau da kommt das “entfesselte Blitzen” ins Spiel. Die Pfannkuchengesicht-Problematik lässt sich nämlich eigentlich recht schnell beheben: Dadurch, daß der Blitz frontal von vorne kommt, wird ein Gesicht schattenfrei ausgeleuchtet, was es natürlich schnell dick und platt wirken lässt. Besonders, wenn man nahe Objekte frontal anblitzt, kann das ziemlich unschön aussehen, Stichwort “The walking dead”…
Und weil unsere Sonne eigentlich immer von (schräg) oben kommt, hat frontales Licht für unsere Augen auch noch eine “unnatürliche” Wirkung. Also: schnell runter von der Kamera mit dem Blitz.
Natürlich könntest Du Dir jetzt auch einfach sagen “Pffft. Dann fotografier’ ich halt nur wenn’s hell genug ist!”, aber damit bringst Du Dich um eine wichtige Möglichkeit, Deine Bilder zu gestalten.
Denn so ein Blitz soll das Bild ja nicht nur irgendwie hell machen, sondern bietet Dir ganz viele Optionen, die Stimmung eines Bildes zu kontrollieren oder überhaupt erstmal ein schönes Licht zu erschaffen.
(Alternativ kannst Du natürlich trotzdem ganz vehement behaupten, Du wärst ausschließlich ein “Available Light Fotograf”. Dann musst Du nichtmal weiterlesen….
)
Wieder so ein neumodischer Trend?
Nein, das entfesselte Blitzen ist natürlich nichts neues. Und es ist auch kein Trend, sonst gehört meines Erachtens nach zu den Grundlagen der Fotografie. Zwar heisst “Photographie” immernoch “Malen mit Licht”, aber das heißt ja nicht, daß man das vorhandene Licht immer so hinnehmen muss, wie es ist.
Schon zu Oma und Opas Zeiten in den Zwanzigern und Dreißigern wurde bewusst mit künstlichem Licht gearbeitet. Damals gab es aber keine hosentaschenfreundlichen Aufsteckblitze, sondern kiloschwere Dauerlicht-Scheinwerfer. Die waren groß, schwer, und vor allen Dingen: heiß!
Die wollte niemand ohne weiteres mit raus auf ein schnelles Shooting in der Pampa nehmen, war auch etwas problematisch, denn eine Lastwagenkarawane hätte dafür eigens einen mächtigen Generator und viele Liter Sprit anschleppen müssen
Aber, der technische Fortschritt macht’s möglich, heutzutage alles kein Problem mehr.
Was braucht man dafür?
Das Angebot für Strobisten ist mittlerweile ziemlich umfangreich. Vom Premium-Equipment bis hin zum Ghetto-Eigenbau ist eigentlich für jeden was passendes dabei. Aber um erstmal loszulegen, brauchst Du eigentlich nur eine handvoll Sachen:
- Eine Kamera mit Blitzschuh oder Synchro-Anschluss
- Ein Aufsteckblitz
- Ein Synchro-Kabel oder Funksender
- Ein kleines Stativ
- Lichtformer
Zur Kamera: Hersteller oder Modell ist eigentlich wumpe, so lange sie entweder einen Blitzschuh oder einen Synchro-Anschluss besitzt. Auch mit Kompakt-Knipsen kann man seine ersten Versuche unternehmen, nämlich wenn man den Aufsteckblitz auf Slave stellt und über den Kamera-internen Blitz zündet. Das ist allerdings eher eine suboptimale Lösung, denn dieser Trigger-Blitz funkt uns in die Bildgestaltung rein und das ist pfui.
Der Aufsteckblitz: Nein, es muss erstmal kein superduperteurer Canon 580EXII oder Nikon SB-700 sein, auch wenn das tolle Geräte sind. Zum reinschnuppern ins entfesselte Blitzen tut’s auch ein alter, gebrauchter Vivitar-Blitz für 20€ bei Ebay. Wichtig ist einfach nur, daß man die Power am Gerät einstellen kann. Ansonsten könnte man die Blitzstärke nämlich nur über die Entfernung regeln und das ist ziemlich stressig
Ein guter Kompromiss sind die Modelle YN560 und YN460 vom chinesischen Hersteller YongNuo. Diese kosten neu pro Blitz nur ca. 50 – 75€, sind voll manuell regelbar, slavefähig, super verarbeitet und zuverlässig. Mittlerweile schwöre ich auf die Schätzchen
Das Synchro-Kabel: ist dafür da, daß Kamera und Blitz sich ungestört unterhalten können. Der Blitz muss ja auch irgendwie wissen, wann er feuern soll, und da er nicht mehr auf dem Blitzschuh der Kamera steckt, guckt er jetzt etwas blöd aus der Wäsche. Wer, so wie ich, eine gewisse Neigung zur Trotteligkeit aufweist, ist mit Funksendern gut beraten. Die machen das selbe wie das Synchrokabel, nur eben ohne Kabel
Reduzieren die Stolpergefahr ganz erheblich und sind zumindest eine Überlegung wert.
Jetzt muss der Blitz nur noch irgendwie positioniert werden. Üblicherweise nimmt man dafür ein kleines Leuchtenstativ. Mit etwas Kreativität, Gaffa-Tape oder Klettband kann man den Blitz aber auch an allen möglichen anderen Gegenständen befestigen.
Natürlich sind die Möglichkeiten, Lichtfarbe und -qualität zu kontrollieren mit einem “nackten” Aufsteckblitz etwas mau. Deswegen gibt es die sogenannten Lichtformer. Das kann ein Durchlichtschirm sein, eine Softbox, aber auch ein Beauty-Dish, ein einfacher Diffusor, ein Snoot oder auch was ganz anderes.
Wie geht’s weiter?
Im nächsten Teil geht es weiter um Equipment und Lichtformer. Kosten, Nutzen, Gebrauch und Bezugsquellen werde ich Euch im Detail beschreiben.
Ich hoffe, Ihr könnt dieser kleinen Serie über das entfesselte Blitzen den ein- oder anderen nützlichen Hinweis entnehmen. Vom Pfannkuchengesicht zum Lichtsetting mit multiplen Blitzen ist es zwar ein langer Weg, aber er lohnt sich!
- 03.01.2012
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Von Marcus B.
04.01.2012
21:34 Uhr